Alevitentum

Alevitischer Glaube und alevitische Lehre

Das Alevitentum in Kurzform

Das Alevitentum ist eine humanistische Lehre. Die Gleichstellung der Geschlechter, Naturverbundenheit, Toleranz, Weltoffenheit, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft sind Kernelemente des alevitischen Glaubens. Das Alevitentum als zeitgenössischer "Weg" (türk. yol, kurdisch rê) steht stets auch im Einklang mit den Erkenntnissen der Wissenschaft.

Im Zentrum der alevitischen Lehre steht der Mensch, da in jedem Menschen und dem Kosmos die "göttliche Wahrheit" verborgen liegt. Der tiefsinnige humanistische Kern dieses Glaubens wird in den Worten des Gelehrten Hünkar Bektaş Veli (13. Jh.) deutlich, wenn er geschrieben hat: „Andere haben die Kaaba, meine Kaaba ist der Mensch, sowohl Erschaffender, als auch Erlöser, ist der Mensch, die Menschheit selbst." Weil für die eigenständige Religionsgemeinschaft der Aleviten alles göttlich ist, kann „Gott" in der gesamten Natur und im eigenen Selbst aufgespürt werden. Der Aschiq (Liebende) Daimi schrieb: „Ich bin der Spiegel des Universums, wenn ich doch ein Mensch bin. Ich bin der Ozean der Wahrheit (Wirklichkeit), wenn ich doch ein Mensch bin".

Man spricht von einem Glauben der Befreiung und Freiheit. So ist die Selbstbefreiung u.a. durch Wissensaneignung möglich. Der Heilige Ali (6. Jh. n. Chr.) möchte demjenigen, der ihm „ein Wort lehrt 1000 Jahre dienen". Das Alevitentum ist zudem ein Glaube der Liebe und des Herzens. Dieses Merkmal lässt sich wie folgt zusammenfassen: Unsere Religion ist die Liebe und unser heiliges Buch der Mensch. So schrieb der Aschiq Hüdai (1940-2001): „Des Menschen Leben ist unser Leben, des Menschen Körper ist unser Körper, die Liebe ist unsere Religion, an keine andere glauben wir." Die Aleviten erachten alle Völker als gleichwertig und setzen sich in ihrer historischen Tradition für die Unterdrückten und Schwachen ein.

Grundlagen des Glaubens

1. Glaubensbekenntnis

Aleviten glauben an den einen und einzigen Gott (Allah/Hak). Gott ist für die Aleviten der Schöpfer, der Gerechte, der Allgegenwärtige und der Weise und lässt zugleich alle Lebewesen an sich Anteil haben. Diese Aufzählung der Eigenschaften Gottes ist nicht vollständig.

Aleviten glauben an den Propheten Mohammed als den Gesandten Gottes und drücken dies in ihrem Glaubensbekenntnis aus: „Es gibt keinen anderen Gott außer Allah, Mohammed ist sein Prophet und Ali sein Freund“. Aleviten verwenden diese Glaubensbekenntnis in einer Kurzform: „Ya Allah, ya Muhammed, ya Ali“. Aleviten glauben an eine Identität, eine geistige Gleichartigkeit zwischen Gott, Mohammed und Ali und sprechen als Kultspruch „allah- muhammed-ali“. Dieses Einssein bezieht sich im Kern auf das Gottesverständnis von Mohammed und Ali. Das alevitische Glaubensbekenntnis beinhaltet vier konkrete Aussagen:

  1. Es gibt einen Gott: Aleviten glauben nur an einen Gott. Sie bezeichnen Gott als Tanrı, Allah, Hu, Hak, Hüda, Şah, Ulu. Gott ist überall zu fühlen und zu sehen. Göttlichkeit ist überall vorhanden.
  2. Mohammed ist sein Prophet. Er vermittelte die Gottesbotschaft.
  3. Ali ist sein Heiliger. Er lebte heilig und zeigte den Menschen den Weg zu Gott.
  4. Allah- Mohammed- Ali sind Eins. Sie werden zusammen an- und ausgesprochen und in gleicher Weise angebetet. Nach Auffassung der Aleviten gehören Mohammed und Ali zum Lichte Gottes, das diese Welt seit ihrer Schöpfung erhellt.

Allah hat alles geschaffen, was existiert. Nach dem Glauben der Aleviten wollte Gott durch die Schöpfung sein Geheimnis offenbaren. Hacı Bektaş Veli formulierte im 13. Jh. die Kraft der Seele wie folgt: Das Paradies im Universum spiegelt sich im Herzen der Menschen wider. (Kainattaki cennetin insandaki mukabili gönüldür). Die Aleviten bekennen sich zu Gott als dem Schöpfer und sprechen von einer liebevollen Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Yunus Emre, der türkischsprachige Mystiker aus dem 13. Jahrhundert, beschreibt diese Beziehung in einem seiner berühmten Gedichte.

Yaradılanı severiz,
Yaradandan ötürü.
(Yunus Emre)
Wir lieben das Geschaffene
Ja um des Schöpfers willen!
(Übersetzung: Prof. Dr. Annemarie Schimmel)

Nach alevitischer Auffassung erscheint Gott den Menschen als die Wahrheit in verschiedenen Formen. Aleviten formulieren das folgendermaßen: „Nur diejenigen können diese Wahrheit sehen, die den Vervollkommnungsprozess durchmachen.“ Die Auffassung, dass Mohammed und Ali einen Teil der Wahrheit bilden, wird im Glaubensbekenntnis formuliert. Mohammed und Ali sind vollkommen und bleiben vollkommen. Sie zeigten den Menschen ihre Vollkommenheit in ihrer Lebensweise. Auch ihre Nachkommen (die zwölf Imame ) sind von dem gleichen Licht erleuchtet. Deshalb ehren die Aleviten die 12 Imame als Symbole für diesen Glauben.

 

2. Der Glaube an die heilige Kraft (kutsal güç)

Aleviten glauben an eine heilige Kraft des Schöpfers, die vor allem durch Mohammed und seinen Schwiegersohn, Ali, sowie durch dessen Nachkommen bis heute an die Menschen weiter gegeben wird. Nach diesem Glauben wird der Mensch als Widerspiegelung (yansıma) Gottes betrachtet. Mohammed und Ali sind die Vorbilder für diese Widerspiegelung, indem sie einerseits Gott reflektieren und Gott ähnlich sind und andererseits Gott im Menschen reflektieren und menschliche Eigenschaften haben.

Nach alevitischem Verständnis hat jeder Mensch, sei er Alevit, Christ, Sunnit oder Schiit, Frau oder Mann die heilige Kraft. Gott wollte seine Schöpfermacht und Schönheit durch die Erschaffung des Menschen zeigen. Dies belegen Ausdrücke wie „meine Seele“, „mein lieber Freund“, „mein lieber schöner Gott“ (canım, güzel dost, güzel yüzlüm, güzel tanrım). Nach diesem Verständnis ist der Mensch das vollkommenste und schönste Lebewesen im Universum, auch wenn die Menschen diese Eigenschaften durch äußere Einflüsse verlieren können.

Für die Aleviten beinhaltet die heilige Kraft als eine Gabe Gottes den Verstand (akıl), der ermöglicht, dass die Menschen Gott und seinen Willen erkennen können. Der Verstand des Menschen als Gabe Gottes hat zur Konsequenz, dass jeder Mensch für die Führung seines Lebens verantwortlich ist. Der Mensch kann ein Scheitern nicht auf Gottes Willen zurückführen.

Aleviten glauben, dass das Leid nicht auf Gottes Willen zurückzuführen ist, sondern durch menschliches Versagen bzw. durch das kollektive Fehlverhalten der Menschen entsteht. Der Glaube an die heilige Kraft im Menschen fordert von jedem Menschen ein aktives Bemühen um persönliche Vervollkommnung und den Dienst in der alevitischen Gemeinde. Viele alevitische Gelehrten und Dichter formulierten diesen Schöpfungsglauben mit dem Spruch: En-el hak: Ich bin identisch mit Gott. Das heißt, ich bin sein Ebenbild und mein Ebenbild liegt in Seinem Wesen umschlossen. Hallac-ı Mansur (gest. 922) und Seyit Nesimi (gest. 1417) sind die berühmtesten Gelehrten der Aleviten gewesen, die durch die islamischen Gelehrten als Gotteslästerer zum Tode verurteilt wurden. Diese Vorstellung des Eins seins mit Gott war für den orthodoxen Islam unerträglich.

 

3. Der Glaube an den Weg (insan- i kamil olmak)

Aleviten glauben, dass jeder Mensch seine heilige Kraft, die eine Gabe Gottes ist, durch den eigenen Weg in sich entdecken kann. Gott hilft und gibt den Menschen Kraft, diesen Weg einzuschlagen.

Aleviten schöpfen immer wieder Zuversicht aus dem Glauben daran, dass sie die heilige Kraft in sich haben und dass Gott ihnen die Kraft und den inneren Frieden schenkt, sich auf den Weg der Wahrheit zu begeben. Dieser Glaube ist die Quelle der Hoffnung auf Vervollkommnung. Aleviten glauben daran, dass am Ende dieses Prozesses der einzelne Mensch, wenn er seine heilige Kraft wieder entdeckt hat, sich mit Gott wiedervereinigen kann,. Das nennt man im Alevitentum „die Vervollkommnung“ (insan olmak- Menschwerden).

Für Aleviten ist der Mensch mit Hilfe seines Verstandes fähig, Gott zu erkennen und selbständig zwischen Gut und Böse zu unterscheiden; somit ist der menschliche Verstand „akıl - can“ für Aleviten eine Quelle der Offenbarung. Der Weg des Menschwerdens wird den Aleviten in der Lehre gezeigt.

Aleviten beten zu Gott nicht aus Furcht vor der Hölle oder aus Hoffnung auf das Paradies, sondern um seiner ewigen Schönheit willen. Aleviten haben ein Bild von der Freiheit des Menschen vor Gott und von einem Verhältnis des Menschen zu Gott, das nicht von der bedingungslosen Unterordnung unter ein Gesetz bestimmt wird, sondern von der Fürsorge Gottes für den freien Menschen, von der Hilfe Gottes bei dem Bemühen des Menschen, Gott immer näher zu kommen.

Um dieses Ziel zu erreichen, glauben die Aleviten, dass sie nicht nur ein Leben auf dieser Erde haben, sondern dass Gott ihnen viele Leben gibt. Der Vervollkommnungsprozess ist für die Aleviten eine Folge der Fürsorge Gottes für die Menschen: Gott gibt dem Menschen die Möglichkeit, sich ihm durch viele Leben hindurch immer mehr anzunähern. Die Aleviten schließen dabei nicht aus, dass Menschen anderer Religionszugehörigkeit auf eigenen Wegen Gott erkennen und ihre eigene heilige Kraft entdecken können.

 

4. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele

Die Aleviten glauben, dass die Menschenseele als Geschöpf heilig ist. Gott schuf die Menschenseelen gleichwertig und gleichzeitig. Die Seelen kommen von Gott und gehen zurück zu Gott. Die Körper sterben, jedoch nicht die Seelen. Alle Seelen ruhen bei Gott, bis sie Gestalt annehmen und zur Welt kommen. Nach dem Glauben der Aleviten stirbt die Seele eines Menschen nicht, sondern kehrt heim zu Gott, um nach einer angemessenen Zeit in einen neuen Körper überzugehen.

Dieser Kreislauf dauert so lange, bis die Seele die Vervollkommnung erreicht. Wenn Seelen sich noch nicht in diesem Kreislauf befinden, so warten sie bei Gott darauf, dass ein neues Kind entsteht. Yunus Emre behandelt in seinen Gedichten den Glauben an die ewige Existenz der Seele. „ Die Körper sind sterblich, nicht die Seelen.“(Ölürse tenler ölür, canlar ölesi değil). Nach diesem Glauben bedeutet die Existenz der Seele gleichzeitig die geistige Existenz eines Menschen.

Für Aleviten ist Menschsein ohne Seele undenkbar, denn die Seele begründet das Menschsein des Individuums. Auch andere Geschöpfe haben eine Seele (die auch als unsterbliche Energie bezeichnet wird). Der vollkommene Mensch kann durch diese Energie die letzte Station dieser Reise, die Vervollkommnung erreichen. Die Aleviten sprechen von „Vier Toren“, die der Mensch zu durchschreiten hat, um seiner Bestimmung auf der Erde gerecht zu werden und um die vorhin beschriebene Entwicklung (die Annäherung an Gott) zu erreichen.

Die Cem-Versammlung

Das Gebet der Aleviten

Die täglichen Gebete der Aleviten sind individuell. Es ist jedem selbst überlassen wie, wo und wie oft er seine täglichen Gebete verrichtet. Wichtig ist die gute Absicht und dass er nur Gott anbetet und nur Gott huldigt. Zeichen wie das Tragen des Kopftuches, des Bartes oder andere äußere religiöse Darstellungen sind bei den Aleviten keine Maßstäbe der Frömmigkeit. Schon eher Nächstenliebe, Toleranz, Frieden stiften, den Armen helfen oder andere gute Taten.

Neben dem täglichen Gebet gibt es für die Aleviten noch den sogenannten Cem (sprich: “Dschem“), einem Gottesdienste mit der gesamten Glaubensgemeinde in einem Versammlungshaus zur Rezitation von Gedichten und zum rituellen Tanz (Semah). Dieser wird von Frauen und Männern gleichzeitig und gleichberechtigt ausgeführt und dabei vom Dede (»Großvater«) – gleichzusehen mit einem Imam, immer ein direkter Nachkomme der Ehlibeyt-Familie, der Familie bzw. dem Stamm des Mohammed, der den Koran genau kennen muss und dem auch der Besitz von besonderen Kräften (keramet) zugeschrieben wird – oder von der Ana (»Großmutter«) beaufsichtigt. Dedes und Anas sind Personen, die von Imam Alis Linie abstammen und sich mit den alevitischen Ritualen und Traditionen sehr gut auskennen. Sie verfügen über ein hohes Maß an Wissen, welches ihre geistige und menschliche Kompetenz auszeichnet. Sie genießen ein hohes Ansehen unter den Aleviten. Wenn jedoch kein Dede zur Verfügung steht, um ein Cem zu leiten, darf jeder andere Alevite, der sich mit den Ritualen auskennt, einen solchen Gottesdienst leiten.

Während der Cem früher (vor der zunehmenden Abwanderung weiter Teile der alevitischen Bevölkerung Ostanatoliens in den Westen der Türkei) unregelmäßig stattfand – in dörflichen alevitischen Gemeinschaften immer dann, wenn ein Dede ins Dorf kam – erlebte dieses alevitische Ritual im Zuge der zunehmenden Urbanisierung des Alevitentums, die sich seit mehreren Jahrzehnten beschleunigt vollzieht, eine gewisse Umgestaltung. Der Cem wird nun in regelmäßigen Abständen, oftmals wöchentlich abgehalten. Ort für die religiös-mystischen Glaubenshandlungen sind Versammlungshäuser, die von alevitischen Vereinigungen und Kulturvereinen zur Verfügung gestellt werden. Die aus den Dörfern mitgebrachten heterogene Ritualelemente werden dabei vereinheitlicht. Auf diesem Wege ist der Cem in den letzten Jahren zu einem prominenten Mittel der bewussten Neubestimmung alevitischer Identität in der Welt geworden.

Ein Cem hat nicht nur religiöse und spirituelle Funktionen sondern auch soziale, gesellschaftliche und sogar juristische. Die Cem-Versammlung hat neben der Gebetsverrichtung drei weitere wichtige soziale Komponenten:

  • Verbrüderung (muhasiplik), Wegbruderschaft (yol kardeşliği), Jenseitsbruderschaft (ahiret kardeşliği): Jede alevitische Familie geht einmal in der Cem-Versammlung eine Gemeinschaft mit einer anderen Familie ein, die sozial und finanziell etwa auf dem gleichen Stand ist. Dadurch werden beide Familien eine religiöse verwandtschaftsähnliche Beziehung eingehen, die auch eine wirtschaftliche Verschmelzung für die beteiligten Familien bedeutet. Diese Familien unterstützen sich gegenseitig in jeder Hinsicht. Eine ist nicht nur für sich, sondern auch für die verbrüderte Familie verantwortlich. Die Sünden und Verdienste beider Familien zählen zusammen. Vollwertiges Mitglied der alevitischen Gemeinschaft ist nur derjenige, der so eine Wegbruderschaft eingegangen ist, d.h. derjenige, der sein eigenes Schicksal an das Schicksal eines Geschwisters im Glauben gebunden hat. Dieses System garantiert den Zusammenhalt der Gemeinschaft und kann gleichzeitig eine Garantie dafür sein, daß der Egoismus einer einzelnen Gruppe nicht die ganze Gemeinschaft zerstört.
  • Öffentliche Beichte (görgü, dara çekilmek): Die Görgü ist aufgrund des alevitischen Gebots die Rechenschaft jedes einzelnen vor der Cem-Versammlung, in der alle Bewohner einer Ortschaft anwesend sein sollen. Dort werden die Beschwerden über die Betroffenen angehört bzw. Fehlverhalten werden von Betroffenen selbst offenbart. Verbrüderte Familien verantworten sich gemeinsam über ihr Verhalten einmal im Jahr vor der Cem-Versammlung. Die Verfehlungen werden bestraft bzw. die Beteiligten werden versöhnt, indem der Schuldige Ausgleich für die Gemeinde leistet. Die Strafen werden vom Dede vorgeschlagen und gemeinsam und offen festgestellt. Die schwerste Strafe gibt es für sittliche Verbrechen (düşkünlük). Der Betroffene wird von der Gemeinschaft ausgeschlossen. An den Cems sind Mörder, Vergewaltiger, Diebe und die, die andere Gräueltaten an Menschen, Tieren oder der Natur begangen haben, nicht zugelassen. Solche Menschen werden von der Gemeinde ausgeschlossen. Da jedes Gemeindemitglied von klein an in Kenntnis gesetzt wird, was ihm bei solchen Taten blüht, wird man solche Verbrechen bei den Aleviten auch kaum antreffen.
  • Gelöbnis-Essen (Lokma): In der Cem-Versammlung wird das gemeinsam vorbereitete Essen als Zeichen der Einheit und Solidarität am Ende des Gebets gleichmäßig verteilt und gegessen. Davor wird das Friedenswasser vom Dede gesegnet und von allen als Zeichen des Einverständnisses untereinander bzw. Einvernehmens und der Versöhnung getrunken.

An den Cems nehmen Frauen, Männer und Kinder (meist ab einem Alter von 10 Jahren) gleichberechtigt aktiv teil. Jedes Gemeindemitglied hat innerlich und äußerlich sauber zum Cem zu erscheinen. Er darf mit gar keinem Menschen zerstritten sein. Sollte einer seiner Nachbarn, egal welche Nationalität, Religion oder Hautfarbe er auch angehören mag, irgendwelche Probleme haben und das Gemeindemitglied weiß davon, soll er versuchen zuerst ihm dabei behilflich zu sein das Problem zu lösen, bevor er zum Cem erscheint. Es dürfen gerne auch Gäste teilnehmen. Es spielt dabei keine Rolle welcher Rasse, Religion oder Nationalität sie angehören. Sie sollten sich lediglich vorher ankündigen.

Der Cem wird von den 12 Hizmetsahibi (die 12 Diensthabenden) geleitet. Jeder hat seine besondere Aufgabe.

  1. Dede/Pir (oder weiblich: Ana): Der Cem-Leiter, der religiöser Führer der Gemeinde
    Er muss in direkter Linie vom Propheten Muhammed abstammen. Sein Stammbaum muss bis zum heiligen Ali (der Neffe des Propheten, zugleich sein Schwiegersohn) und Fatima (die Tochter des Propheten) zurückreichen.
    Der Dede muss Erkenntnis, Wissen und eine einwandfreie Ethik und Moral besitzen. Entsprechendes gilt eigentlich auch für die anderen Diensthabenden. Er muß in die historischen, philosophisch -religiösen und rechtlichen Aspekte der alevitischen Glaubensrichtung eingeweiht sein und durch sein Verhalten soll er als Vorbild für die Gemeinde gelten. Außerdem wird erwartet, daß er den Koran beherrscht. Ihm wird auch der Besitz von besonderen Kräften ( keramet ) zugeschrieben, wenn er diese nicht bereits persönlich durch das Wirken kleinerer oder größerer Außergewöhnlichkeiten unter Beweis stellen konnte, sollten zumindest von einem seiner Vorfahren derartigs bereits vollbracht worden sein. Er muß außerdem ein begabter Geschichtenerzähler und ein erfahrener Musiker sein, denn ihm obliegt auch die musikalische Leitung des Cem.
  2. Rehber: Der Organisator und Helfer des Dede. Seine Aufgabe ist es den Teilnehmern des Cem behilflich zu sein und als eine Art religiöser Wegweiser zu wirken. Er begleitet Laien z.B. die Personen, die eine Weggemeinschaft eingehen wollen. Er segnet am Anfang des Cems die mitgebrachten Gaben, die nachher brüderlich geteilt und verzehrt werden. Dies stellt das Symbol des Teilens mit anderen Menschen dar.
  3. Gözcü: Der Wachmann. Er trägt einen langen Stock, was den Stock des Mose symbolisiert. Er sorgt für Ruhe und Ordnung im Cem und hat einen ordentlichen Ablauf des Cem zu gewährleisten.
  4. Çerağçı oder Delilci: Seine Aufgabe ist es, für Licht zu sorgen. Er lobpreist durch eine Grußformel den Propheten Mohammed, seine Frau Hatice, seine Tochter Fatima und die 12 Imame und zündet dabei die Kerzen an. Das Anzünden der Kerzen symbolisiert das göttliche Licht und das es nie erloschen wird.
  5. Zakir: Der Barde, Sänger, Sazspieler (Saz ist ein türkisches Saiteninstrument). Er übernimmt die musikalische Aufgabe, indem er den Dede auf der Saz begleitet. Er singt die Loblieder auf die alevitischen Heiligen und auf die Propheten, die in der Bibel und im Koran vorkommen.
  6. Süpürgeci oder Ferraş: Der Besenmann ist für die Sauberkeit vor, während und nach dem Cem zuständig. Symbolisch hält er einen Besen in der Hand und kehrt damit den Cem-Platz. Unter Umständen soll er dem Rehber behilflich sein.
  7. Sakkaci: Seine Aufgabe ist es Wasser zu verteilen. Das Massaker in Kerbela, wo Imam Hüseyin und seiner Gefolgschaft tagelang mitten in der Wüste umzingelt und vom Wasser des Euphrats ferngehalten wurden und wobei er und viele seiner Familienangehörigen und Anhänger (insgesamt 72 Mann) den Tod fanden, wird nachempfunden. Das Wasser als Symbol des Lebens und der Sauberkeit wird über die Betenden versprüht.
  8. Sofraci oder Kurbancı: Der für die Schlachttiere (und das Essen allgemein) zuständige Diener. Seine Aufgabe ist es, sich um die Opfergaben und die Essenszubereitung in der Küche zu kümmern und für deren gleichmäßige Verteilung zu sorgen.
  9. Peyik: Der Benachrichtiger. Er benachrichtigt die Gemeinde bei wichtigen Vorkommnissen und er ist der Bote zwischen dem Dede und der Gemeinde. Auch zuständig für die Bekanntgabe des Cem in der Gemeinde.
  10. Bekci oder Kapıcı: Seine Aufgabe ist es als Türwächter für die Sicherheit der Veranstaltung zu sorgen. Er bewacht die Türen und achtet darauf, daß keine unerwünschten und fremden Leute zum Cem hineingelangen.
  11. Pervane/semahci: Er ist zuständig für einen reibungslosen Ablauf des Semah (Gebetsform der Aleviten in ritueller Tanzform).
  12. Iznikci: Der Reinigungsdienst sorgt für die Sauberkeit im Gemeindehaus nach dem Cem-Gottesdienst.

Viele der oben genannten Positionen können auch von Frauen übernommen werden.

Typischer Ablauf eines Cem-Gottesdienstes:

Bevor die ersten Menschen eintreffen, werden Teppiche und Sitzgarnituren ausgebreitet. Die Gemeindemitglieder können auch ihre eigenen Sitzkissen und Teppiche mitbringen, was meistens auch der Fall ist. Es wird auf dem Boden gesessen. Wer ein körperliches Gebrechen hat, darf auf einem Stuhl am Cem teilnehmen. Die Gemeinde versammelt sich zur festgelegten Zeit im Cem-Haus. Vor der Versammlung haben die Teilnehmer eine Waschung durchgeführt und saubere, unauffällige Kleidung angezogen. Am Eingang erweisen sie dem Ort des Rituals Respekt durch eine Geste (niyaz). Anschließend werden die mitgebrachten Gaben (lokma), z.B. Brot, Obst oder Weizen, an die lokmacı-Person abgegeben. Zum gesegneten Mahl gehört auch ein Tieropfer (kurban).

Nach der Abgabe der Gaben werden die Schuhe ausgezogen und man nimmt auf der mit Teppichen ausgelegten Fläche Platz. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sitzen in einem Halbkreis, so dass sie sich in die Gesichter blicken können (cemal cemale). Die Ritualleiter sitzen vorn, neben ihnen sitzt der Barde (zakir), der auf der Langhalslaute (saz) die Gebetshymnen und die religiösen Gedichte vorträgt. Das Ritual findet in der Regel in türkischer Sprache statt, gelegentlich auch auf Deutsch. Eine nach Geschlechtern getrennte Sitzordnung gibt es nicht. Sind die Ehefrau oder die Tochter eines Dede anwesend, sollen sie vorne neben dem Dede Platz nehmen.

Zwischen den Teilnehmern und den Ritualleitern bleibt eine halbkreisförmige Fläche frei, die „Platz“ (meydan) genannt wird. Jede Person betritt den Platz mit drei Schritten, vollzieht einen niyaz (Hinknien und Küssen der auf den Boden gelegten Hände), sagt Hak, Muhammet ya Ali (Gott, Mohammed und Ali) und verlässt den Platz mit drei Schritten rückwärts.

Nachdem sich die Glaubensgemeinde in der Gebetshalle zusammen gefunden und der Rehber die mitgebrachten Gaben gesegnet hat, wartet man auf das Eintreffen des Dede. Der Peyik gibt Nachricht wenn es soweit ist. Wenn der Dede eintritt erheben sich alle. Der Dede grüßt alle und spricht die notwendigen Gebetsformeln aus und nimmt Platz. Sind alle versammelt, betreten die Ritualleiter den Raum (mürşit Leiter/Lehrer; pir Meister; rehber Wegweiser). Die Gemeinde empfängt sie stehend. Nach einigen Gebeten und Ritualen nehmen alle Platz. Der mürşit fragt die Anwesenden, ob sie mit den religiösen Leitern einverstanden sind und ob sie den Dedes das „Einvernehmen“ (rızalık) geben. Die Gemeinde antwortet mit dreimaligem Allah eyvallah. Es folgt die Begrüßung.

Anschließend werden die Inhaber der „zwölf Dienste“ auf den Platz gerufen (neben den Ritualleitern und dem Musiker z.B. der Wächter, der „Fegende“, der Wächter des Lichts, u.a.). Der Ritualleiter fragt, ob alle mit ihnen einverstanden sind. Die Gemeinde antwortet bejahend. Anschließend fragt er, ob es Konflikte unter den Anwesenden gibt. Falls das der Fall ist, muss der Streit jetzt geschlichtet werden. Dreimal fragt der Dede die Teilnehmer nach ihrem gegenseitigen Einvernehmen (rızalık). Sie antworten mit dreimaligem „Wir sind einverstanden, möge auch Gott einverstanden sein“ (Biz razıyız, hak razı olsun). Dann wird der Platz durch den „Fegenden“ (süpürgeci) gereinigt und das „Fell“ (post) vor den Dede auf den Boden gelegt. Es symbolisiert den Platz, den einst Mohammed, Ali und andere Heilige im sogenannten „Cem der Vierzig“ eingenommen haben.

Eine weitere wichtige Handlung ist das „Erwecken des Lichts“. Der Wächter des Lichts zündet drei oder zwölf Kerzen an. Drei Kerzen stehen für Hak, Muhammet, Ali (Gott, Mohammed, Ali), zwölf Kerzen für die „Zwölf Imame“. Danach erfolgt die rituelle Waschung der Hände des für die Waschung Zuständigen, des Dede und einiger Anwesender. Danach werden die „Gaben des Mahls“ (lokmalar) gesegnet.

Nach der Segnung der Gaben wird der Cem „versiegelt“. Der Türwächter schließt die Tür, damit niemand den Raum betritt oder verlässt. Die Anwesenden knien nieder und beten gemeinsam, dabei schauen sie sich immer wieder gegenseitig in die Augen (cemal cemale). Alle bezeugen die Einheit mit Gott und rufen gemeinsam Hak, Muhammet ya Ali (Gott, Mohammed und Ali).

Danach trägt der Barde ein Gedicht vor, das von der Himmelfahrt Mohammeds und dessen Ankunft bei den „Heiligen Vierzig“ handelt. Während des Gedichtes setzt der spirituelle Semah-Tanz ein. Frauen und Männer drehen sich gegen den Uhrzeigersinn und verbinden ihr lnneres mit Gott, ohne sich zu berühren. Danach wird das Heilige Wasser (sakka-suyu), das vom Ritualleiter mit einem Gebet gesegnet wird, verteilt. Anschließend wird das Mahl gleichmäßig verteilt und durch ein Tischgebet eingeleitet. Erst dann darf man essen und trinken.

Es wird zum Schluss nochmals für den Frieden, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe unter allen Menschen auf der Welt gebetet. Kurze Zeit später endet eigentlich auch der Cem. Das Cem-Ritual endet mit dem „Auflösungsgebet“. Das Fell wird aufgehoben und das Licht (delil) zur Ruhe gebracht.


Hier wurde in ganz kurzen Sätzen der Ablauf des Cems dargestellt. Einen Gottesdienst der bis zu 4–5 Stunden dauern kann, kann nicht kurz erläutert werden. Darum empfehlen wir jedem Interessenten, einen Cem zu besuchen und es mitzuerleben. Manchmal erfährt man durch das Erleben mehr als durch das Lesen.

Sind Aleviten Muslime?

In den Meinungsumfragen werden die Aleviten üblicherweise zu den Muslimen gerechnet. Die Aleviten selbst sind uneins darüber, ob das angemessen ist oder nicht.

Ein religionswissenschaftliches Gutachten aus dem Jahr 2003 kam zu dem Urteil, das Alevitentum sei entweder eine „eigenständige Religion mit besonderen Bezügen zum Islam“ oder aber eine „eigenständige Größe innerhalb des Islam“, d.h. eine Art islamischer „Konfession“, neben den beiden anderen „Konfessionen“ Sunniten und Schiiten. Die Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. ist seither als „Religionsgemeinschaft“ gemäß Paragraph 7 Grundgesetz anerkannt, so daß der Alevitische Religionsunterricht mittlerweile in vielen Bundesländern ein ordentliches Lehrfach ist (z.B. in Niedersachsen).

Die Alevitische Gemeinde Deutschland selbst unterscheidet drei Typen von Aleviten:

Das Alevitentum als eigenständiger Glauben
Die meisten Aleviten vertreten die Auffassung, dass das Alevitentum ein eigenständiger Glauben ist. Sie verstehen sich als modern und zukunftszugewandt. Sie wollen das Alevitentum unter Berücksichtigung der deutschen Gegebenheiten an ihre Kinder weitergeben. Strukturreformen halten sie für nötig, denn ein anatolisches Dorf ist etwas Anderes als eine deutsche Großstadt im 21. Jahrhundert.

Nach Auffassung dieser Aleviten kann jeder, der sich mit dem Alevitentum identifiziert und das Versprechen ablegt, nach alevitischen Regeln zu leben, in die alevitische Gemeinschaft aufgenommen werden. Alevitischen Religionsunterricht in der Schule halten diese Aleviten für richtig und notwendig.

Das Alevitentum als eine Form des Islam
Manche Aleviten verstehen sich als Alevit und Muslim zugleich. In der Türkei, in der die Aleviten seit vielen Jahrzehnten zur Assimilation an den sunnitischen Mehrheitsislam gedrängt werden, haben die Aleviten oft Angst davor, sich zu ihrem Alevitentum zu bekennen. Viele halten ihren Glauben geheim und folgen äußerlich den sunnitischen Regeln, in der Hoffnung, dass die Sunniten sie als „alevitische Muslime“ anerkennen. Oft versuchen sie, ihren Glauben durch Berufung auf den Koran und die Überlieferungen des Propheten zu rechtfertigen. Manche sind der Auffassung, dass das Alevitentum der „wahre“ Islam sei.

Vertreter dieser Gruppe fordern, dass die Aleviten im türkischen Amt für Religionswesen vertreten sein sollten. Damit wären sie offiziell als Teil des Türkischen Islam anerkannt.

Aleviten, die unter sich bleiben wollen
Eine kleine Gruppe von Aleviten, überwiegend Angehörige der älteren Generation, möchte unter sich bleiben und den Glauben so leben, wie er seit jeher war. Nach Auffassung dieser Aleviten kann nur derjenige Alevit sein, der aus einer alevitischen Familie stammt und der seine Zugehörigkeit zum Alevitentum durch ein feierliches Versprechen bestätigt hat. Vertreter dieser Gruppe vertreten in der Regel die Ansicht, dass der „Alevitische Weg“ der Öffentlichkeit verborgen bleiben soll.

(nach: Ismail Kaplan, Glaubensgrundlagen und Identitätsfindung im Alevitentum, in: F. Eißler [Hg.], Aleviten in Deutschland, 2010, 29–76)

Das Wertesystem des Alevitentums

(4 Pforten und 40 Regeln)

Der Lebenslauf des Menschen ist nach alevitischer Vorstellung vom Streben nach einer Entwicklung des Denkens und Ethos bestimmt. Die Aleviten sprechen von den 4 Toren, die der Mensch durchschreiten muss, um seiner Bestimmung auf der Erde gerecht zu sein und um die Annäherung zu Gott (Entwicklung) zu erreichen.

  1. Die Scharia (Şeriat) oder Tor der Ordnung:
    Es sind die Regeln, die durch Sehen, Hören und Mitmachen gelernt, verstanden und wahrgenommen werden. Hier geht es um die Annahme der Gesetze und Pflichten der Gemeinschaft, in der man lebt. Ein Wegweiser bzw. Meister (rehber) hilft dem einzelnen Schülern (talip) dabei.
    Diese Pforte wird durch 10 Regeln erreicht:
    1. Glauben und bezeugen (das Glaubensbekenntnis aussprechen)
    2. Lernen (die Wissenschaft lernen)
    3. Den Gottesdienst verrichten (beten, fasten, milde Gaben geben)
    4. Ein ehrliches, legales Einkommen haben
    5. Ausbeutung und Ungerechtigkeit vermeiden
    6. Die Achtung der Frau durch den Mann
    7. Das Suchen der Ehe (außereheliche Verhältnisse sind zu vermeiden)
    8. Fürsorge für andere
    9. Reines Essen zu sich nehmen, für gutes Ansehen sorgen
    10. Gutes wollen und tun.

     

  2. Der mystische Pfad (Tarikat):
    Das Ziel dieser Pforte ist es, den Sinn des Glaubens zu verstehen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht der Mensch einen Wegweiser (rehber), der ihn begleitet und ihm Beistand leistet. Es wird eröffnet durch die Initiation (ikrar) in die alevitische Gemeinschaft. Hier geht es um die Erlangung der Kenntnis der individuellen Rechte und Ansprüche, die man selber hat und stellt; d.h. was begehre ich, was ist mein?
    Die 10 Regeln dieser Pforte lauten:
    1. Sich dem geistlichen Lehrer (pir) anvertrauen
    2. Sich dem Lernen hingeben
    3. Auf äußeres Ansehen verzichten
    4. Das eigene Ego bremsen und gegen das Ego ankämpfen
    5. Achtung haben
    6. Ehrfurcht haben
    7. Auf Gottes Hilfe hoffen
    8. Sich auf den Weg Gottes begeben
    9. Gemeinschaftsbezogen leben, Harmonie zeigen
    10. Die Menschen und die Natur lieben, schützen und auf weltliche Güter verzichten.

     

  3. Das Tor der Erkenntnis (Marifet):
    Auf dieser Stufe wird die Lehre tiefgehend studiert und die Bedeutung des Gelernten durch die vorhergehenden Stufen miteinander verknüpft. Das gelernte Gesamtwissen muß auch in den Verhaltensweisen gezeigt werden. Dabei wird der Mensch von seiner Unwissenheit gerettet und für die letzte Phase vorbereitet. Es geht hier vor allem um die Erkenntnis des Nächsten; d.h. was begehrt der Mitmensch, was gehört dem Mitmenschen? Was die Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, ist das Bewusstsein. Es führt zur Erkenntnis der wahren Bedeutung des Menschen. Die Freude über diese Erkenntnis und das Erkennen der Schönheit der Schöpfung führt zu Hingabe und Ehrerbietung. Auf diese Hingabe zielt das Cem-Gebet und die Muhabbet („Liebe/Freundschaft/Unterhaltung“, eine Zusammenkunft, bei der religiöse Gesänge vorgetragen und die Angelegenheiten der Gemeinschaft behandelt werden).
    Folgende 10 Regeln sollen dabei helfen:
    1. Sich gut benehmen und anständig sein
    2. Ehrenhaft leben
    3. Geduldig sein
    4. Genügsam sein
    5. Schamhaftigkeit zeigen
    6. Freigiebigkeit zeigen
    7. Sich um Wissen bemühen
    8. Ausgewogenheit und Harmonie bewahren
    9. Gewissenhaft sein, Fähigkeiten entdecken und erreichen, die nicht (nur) durch die Vernunft zu erreichen sind, sondern durch den Seelenblick (can gözü/gönül gözü)
    10. Selbsterkenntnis üben.

     

  4. Die Wahrheit (Hakikat):
    Im Zentrum des alevitischen Glaubens steht der Mensch als Wesen, das sich selbst sucht und erkennen will. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo werde ich hingehen? Das Wissen des Menschen über sich selbst bleibt lückenhaft, solange es nur ein Wissen des Verstandes ist. Die Einbettung von Verstandeswissen in das emotionale Wissen des Körpers durch Musik und Bewegung macht aus dem Wissen des Kopfes ein Wissen des ganzen Menschen. In dieser Ganzheitlichkeit liegt der Schlüssel zur Wahrheit, zur Selbsterkenntnis und dem, was aus ihr folgt.Der Mensch begreift alle Geheimnisse des Weges, die Bedeutung und den Sinn des Lebens. So werden ihm alle Geheimnisse des Kosmos, der Welt und des Daseins eröffnet. Er ist dann ein vollkommener, gereifter Mensch. Ab diesem Tor hat das jeweilige Individuum das Recht und die Möglichkeit, die Pflichten und Rechte der Gemeinschaft aus „Tor 1“ mitzugestalten, was die weitere Entwicklung und Modernisierung des ersten Tores sichert.
    Das vierte Tor wird durch die Befolgung folgender zehn Regeln durchschritten:
    1. Bescheiden sein, alle Menschen achten und ehren, die Glaubensgemeinschaften als gleichberechtigt anerkennen
    2. An die Einheit von Allah, Mohammed und Ali glauben
    3. Sich beherrschen, nicht lügen, nicht stehlen, nicht gewalttätig, nicht untreu werden (Leitspruch der Aleviten: „Hüte deine Hand, deine Zunge und deine Lende“)
    4. Glaube an die Widerspiegelung Gottes (seyr)
    5. Gott Vertrauen schenken
    6. Austausch und Freude über die Erkenntnis, mit Gott und seiner Gemeinde eins zu sein
    7. Wachsen in dieser Erkenntnis, Annäherung an die Lösung des Geheimnisses Gottes
    8. Einklang mit dem Willen Gottes zeigen
    9. Sich ins Nachsinnen über Gott versenken
    10. Das Herz von der Sehnsucht nach Gott erfüllen lassen und das Geheimnis Gottes lösen (münacat und müşahede).
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